Heute um zwölf Uhr sollte es soweit sein. Der zweite Versuch, mich bei einem Call-Center zu bewerben, stand unmittelbar bevor. Verzweifelt versuchte ich, meinem Äußeren vor dem Flurspiegel menschliche Züge zu verleihen und machte mich langsam auf den Weg Richtung Bewerbungsgespräch. Als ich vor einem großen, eindrucksvollen Bürogebäude aus roten Ziegelsteinen mein Ziel gefunden hatte, war es wenige Minuten vor zwölf. Ich betrat die Eingangshalle, die mit ihrem Springbrunnen und den Glaswänden einen äußerst seriösen Eindruck vermittelte. Ich drückte eine der beiden schwarzen Plastiktasten unter der Codetastatur und erwischte prompt die Hallenbeleuchtung… Nach dem 50/50-Prinzip konnte es sich nun nur noch um die Taste daneben handeln. Ich hatte Glück. Nach wenigen Sekunden öffnete sich die Stahltür und ich trat in ein gelb gestrichenes Foyer mit einigen Popart-Bildern an der Wand. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich angenehm überrascht und sah mich einmal mehr bei der Vertragsunterzeichnung. Als dann mein Gesprächspartner für die nächste halbe Stunde um die Ecke gesprungen kam, schwand dieser erste Eindruck explosionsartig. Gelbes Neonhemd, bunte Caprihose, Schlappen, dicke Goldkette und Vokuhila von der schlimmsten Sorte… Er bat einen Mitbewerber und mich in sein Büro und fing an, von seinem Verhältnis zu Autos und (Zitat!) „Weibern“ zu schwadronieren. Nach rund einer viertel Stunde kamen wir zum geschäftlichen Teil und ich erfuhr recht schnell, dass die Arbeit auf Provision ausgelegt ist und es sich um einen reinen Telefonverkauf handelt. Abgesehen davon, dass mir der Herr extrem unsymphatisch war, was nicht alleine daran lag, dass er sich mit der rechten Hand ständig sein Gemächt zurecht rückte, war für mich auch das ganze Produkt nicht ganz sauber. Nach rund einer Stunde durfte ich das Haus, reich an weiteren Erfahrungen, wieder verlassen. Den kurzen Heimweg versuchte ich, meine offensichtliche Enttäuschung nicht an Nachbarn oder Passanten auszulassen, was mir nur schwer gelang. Zu Hause angekommen machte ich mich an das Lernen meines Drehbuches und wartete auf Silvi. Am Abend sahen wir endlich „Papa Ante Portas“, was wir uns schon länger vorgenommen hatten. So nahm der Tag schon wegen der erstklassigen Pflege von Silvi eine glückliche Wendung.