Dieses Online-Tagebuch gibt es nun seit knapp zwei Jahren und bei noch keinem geschriebenen Beitrag habe ich das Schreiben als Therapie oder gar als Verarbeitung genutzt. Heute ist das etwas anders. Seit elf Stunden quäle ich mich mit Fragen und befinde mich in einem merkwürdigen Wechsel aus Depression und ausgeprägtem Lebensmut. Silvester ist in jedem Jahr ein ganz besonderes Fest für mich. Ich sehe nach vorne und zurück, formuliere Wünsche und lasse es mir gut gehen. Bis ca. 1:20 Uhr verlief dieser Jahreswechsel auch harmonisch und wunderbar. Wir waren bei Christian und seiner Familie eingeladen, hatten Spaß und begannen nach Mitternacht, die reichlich eingekauften Knaller und Raketen ihrer Bestimmung zu übergeben. Mit Christian stand ich an der großen Hauptstraße und vernichtete die letzten Pakete China-Böller, als plötzlich zwei dunkel gekleidete, offenbar deutschsprachige, stark alkoholisierte, junge Männer vor uns standen. „Warum habt Ihr unseren Freund dumm angemacht?“, fragte mich einer recht agrressiv und sein Gesicht war dabei nur wenige Zentimeter vor meinem. Ein Wort gab das andere. Da wir natürlich nichts dergleichen gemacht hatten und auch sonst nur zum Böllern an der Hauptstraße standen, verhielten wir uns vollkommen passiv. Dann schubste mich mein „Gesprächspartner“ fordernd nach hinten. Christian versuchte, die Situation zu kippen und schritt ein. Nun gingen beide Personen auf uns los und es entstand eine heftige Rangelei. Christian und ich versuchten, einer Schlägerei zu entgehen und wichen den Schlägen und Tritten bestmöglich aus. Dann sah‘ ich einen schwarzen Pistolenlauf an meiner Schlefe… Ab diesem Zeitpunkt kann man wohl von Todesangst sprechen. Christian sagte mir später, dass man auch ihm eine Pistole an den Kopf gehalten hatte. Innerlich hatte ich unbeschreibliche Angst. Nach außen blieb ich noch relativ locker und versuchte, meinen Angreifer von seinem Vorhaben abzubringen. Er drückte mir den Lauf an den Kopf und die Kälte der Waffe ließ mich zumindest nicht daran zweifeln, dass die Waffe aus Metal und damit zumindest gefährlich war. Ob Gas oder „scharf“ spielte in diesem Fall eine eher untergeordnete Rolle. Aus dieser Entfernung hätten beide Varianten erheblichen Schaden angerichtet. Die Rangelei ging weiter und wir stürzten uns in einen Hauseingang, dessen Tür glücklicherweise auf „Schnappverschluss“ gestellt war. Ich nutze die Gunst der allgemeinen Verwirrung und rannte in Richtung Treppenhaus, während mich einer von Beiden am Mantel festhielt. Als ich die Treppen hoch rannte, wählte ich den Notruf und klingelte an jeder Wohnungstür, an der ich vorbei kam. Nebenbei konnte ich hören, wie einer der Männer den Anderen zur Flucht aufforderte. Christian sagte nur wenig später bei der Polizei aus, dass aus zwei Männern plötzlich vier wurden. Einer davon verfolgte mich noch ca. ein Stockwerk durch das Mehrfamilienhaus bevor er dann den offensichtlich zu lang werdenden Rückweg antrat. Oben angekommen setze ich einen weiteren Notruf ab und wartete auf Christian und Hilfe der Hausbewohner. Nur die Flucht der Angreifer hatte Christian vor größerem Schaden bewahrt und so kam auch er zu mir hochgerannt. Dann ging alles sehr schnell. Die Polizei rückte mit mehreren Streifenwagen an und nahm die Verfolgung der bewaffneten Täter auf. Für uns folgte eine lange Vernehmung und eine noch längere Phase der Beruhigung.

Der Überfall ansich ist nun nicht das, was mich seit elf Stunden beschäftigt. Lediglich die andauernden „Was wäre gewesen, wenn…“-Fragen, der Lauf vor meiner Schlefe und diese Hilflosigkeit gegenüber der Situation und auch gegenüber Christian machen mich verrückt. Wenn der Hauseingang nicht offen gewesen wäre? Wenn ich nicht in das Treppenhaus hätte rennen können? Wenn ich mein Handy nicht dabei gehabt hätte? Natürlich sind diese Fragen kompletter Unsinn. Trotzdem zermartere ich mir meinen Kopf deshalb. Christian und ich haben uns heute gegenseitig das Leben gerettet und dafür bin ich ihm (und er sicher auch mir) unendlich dankbar. Das Neujahr hat aus meiner Sicht nun eine Art „Geburtstags-Charakter“. Gegenüber Christian wäre ein „Dankeschön“ natürlich viel zu wenig. Da es ihm aber sicher ähnlich geht, haken wir das wohl unter „wir sind quit“ ab. WENN dieser Tag etwas Gutes hatte, dann sicher die Einsicht, dass Freundschaft eben doch mehr ist, als gemeinsam Filme zu sehen und Spaß zu haben. 2006 verläuft für Euch und uns alle hoffentlich besser als es für uns begonnen hat. Prosit Neujahr!