Das kräftige Piepsen des Weckers warf mich gegen 4:45 Uhr aus dem Bett. Hoch motiviert, aufgeregt und mit leichtem Kribbeln im Bauch brachte ich die Morgentoillette hinter mich, steckte mir zwei Äpfel und eine Flasche Mineralwasser für die lange Fahrt in mein Handgepäck und machte mich mit Rucksack und Sportasche gegen 5:30 Uhr auf den Weg zum S-Bahnhof. Der Maikäfer, der vor dem Fahrscheinautomat auf mich wartete, hatte sich scheinbar im Datum vertan. Guter Dinge machte ich mich mit der S-Bahn in Richtung Hauptbahnhof, wo ich mich mit Illustrierten und einem kleinen Frühstück versorgte. Pünktlich um 6:26 Uhr fuhr der ICE 581 Richtung München auf Gleis 8 ein. Nach unzähligen Bäumen, Dörfern, Bahnhöfen, Bergen, Tälern und viereinhalb Stunden später, rollte der Zug pünktlich in den Sackbahnhof von München. Die Suche nach einem Schließfach für meine Sporttasche, nach dem richtigen Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel und der richtigen Verbindung mit diesen, dauerte eine geschlagene Stunde. Da die Münchner aber, entgegen ihrem Ruf, ein sehr hilfreiches Volk sind, saß ich gegen 12:00 Uhr in der Straßenbahn Richtung Filmpark-Gelände.

Eine halbe Stunde später saß ich bereits in einer kleinen, weißen Bimmelbahn, die rüttelnd durch die Filmstadt knatterte. „Mein Name ist Nicole und ich bin Euer Tour-Guide“, quetschte die Stimme durch die Lautsprecher im Wagendach. „Tour-Guide“ – so, so… War ich dann der „Tour-Guest“ im „Tour-Train“? Diese derzeit so schicke „Inselafferei“ ist nicht so wirklich mein Ding. Da ich mir meinen „Tour-Guide“ mit zwei Schulklassen einer Sonderschule teilen musste, bekam ich vom „guiden“ der Nicole nicht wirklich viel mit. Ich klammerte mich an meinen Fotoapparat und versuchte verzweifelt, nicht von dieser Horde pubertierender Flachpfeifen über den Haufen gerannt zu werden.

Neben den altbekannten Filmkulissen von „Das Boot“, „Die unendliche Geschichte“ und „Enemy Mine – Geliebter Feind“ warteten auch neue Schauplätze wie „Rote Meile“, „Comedian Harmonists“, „Der König von St. Pauli“, „Asterix & Obelix“, „Bibi Blocksberg“ und „Marienhof“ auf mich. Nach neunzig Minuten war die Tour beendet und ich als großer Film- und TV-Freak maßlos enttäuscht über die kurze Dauer der Besichtigung. Mit einem fröhlichen Lächeln und dem Ausdruck tiefster Entschlossenheit stiefelte ich einem der zahlreichen „Tour-Guides“ entgegen. Silvi ist sooooo ein großer „Marienhof“-Fan und ich müsste unbedingt noch Fotos machen. Ein wenig Dackelblick, eine kleine Prise Überredungskunst und eine gehörige Portion Tränendrüse und ich wurde alleine auf das Bavaria-Gelände gelassen. Ich nutzte dieses einmalige Privileg für eine regelrechte „Marienhof“-Orgie mit unendlich vielen Fotos. Voller Stolz und mit dem guten Gewissen, diese Gutmütigkeit nicht ausgenutzt zu haben, verließ ich gegen halb drei das Filmgelände.

Nachdem ich meine Sporttasche gegen die Gebühr von stolzen drei Euro aus dem Bahnhofsschließfach ausgelöst hatte, ging es mit der S-Bahn 8 Richtung Unterföhring, wo ein Hotelzimmer und ein warmes Bett auf mich warteten. In Unterföhring angekommen folgte wieder die Suche nach dem Anschlussbus, der mich zum Hotel bringen sollte. „Halt! Sie wollen sicher zu Arabella“, schrie mir ein Bahnarbeiter entgegen. Ich verneinte und ließ mir den Weg zur Bushaltestelle erklären. Der Gurt meiner Sporttasche hatte sich inzwischen einen kleinen Krater in mein Schulterfleisch gebahnt und begann, unerheblich stark zu schmerzen. Umso glücklicher war ich, als ich wenig später die großen Lettern „Feringahotel“ vor mir lesen konnte und mir ein Portier mein Zimmer zeigte. Es war also geschafft! Ein langer, anstrengender Tag mit vielen Eindrücken lag hinter mir und ich belohnte meine Immunität gegen Hitze, pupertierende Sonderschüler, unfreundliche Mitmenschen und stressige Wanderungen mit einem Teller Wurstsalat, den mir ein Kellner auf’s Zimmer brachte. Intensiv nahm ich mir nun mein Drehbuch vor, dass mir meine Textsicherheit für den Folgetag sichern sollte und gegen 23:30 Uhr fiel ich totmüde und geschafft in ein weiches Hotelbett.